DAS ERGEBNIS DER
Wenn man die Schriften und Reden Hitlers und seiner Ideologen studiert, wird schnell klar, dass ihre Politik im Darwinismus wurzelte.
Hitler glaubte, die menschliche Rasse auf ähnliche Weise verbessern zu können, wie es Tierzüchter tun. Er setzte sich dafür ein, alle, die angeblich die arische Rasse "verunreinigten", alle Menschen mit Erbkrankheiten und alle Schwachen zu eliminieren. So kam es zur brutalen Auslöschung von Millionen Menschen - was bewies, dass er sie nur für Tiere hielt, durchaus im Sinne Darwins. Alexander Kimel, einer der wenigen, die dem Genozid der Nazis entkamen, betont die Verbindung zwischen Nazismus und Darwinismus und beschreibt, wie es möglich wurde, dass die Nazis mit ihrer darwinistischen Überzeugung Menschen noch gnadenloser als Tiere behandeln konnten: Indem der Nazismus auf den Sozialdarwinismus zurückgriff, setzte er Menschen mit Tieren gleich, beraubte er sie ihrer individuellen Freiheit der Entscheidung und der Fähigkeit, selbständig zu denken. Brutalität, Terror, Unwahrhaftigkeit und skrupellose Ausbeutung wurden zur Verhaltensnorm. Wenn man die Regeln der natürlichen Selektion im Tierreich auf Menschen überträgt, wenn der göttliche Funke aus dem Bewusstsein der Menschen gelöscht wird, dann wird es möglich, Menschen wie Tiere zu behandeln. Dann kann man sie züchten und wie Vieh halten. Der Krieg und die rücksichtslose Kriegführung kosteten Hitler hohe Menschenopfer. Hitler versuchte, seine heikle Situation zu verbessern - aber nicht, indem er die Verluste an Menschenleben senkte, sondern indem er seine Versuche der Menschenzüchtung verstärkte. ... Deswegen beauftragte er den Arzt Dr. Mengele, in Auschwitz "wissenschaftliche" Experimente durchzuführen. In deren Verlauf wurden zum Beispiel Zwillinge getötet und anschließend seziert und Züchtungsmethoden für Menschen entwickelt, um die Fruchtbarkeit deutscher Frauen zu verdoppeln. SS waren ihr Hirt und ihr Hauptzüchter war ihr Führer. Die Deutschen selbst wurden behandelt wie Zuchtstiere, andere Völker wie normale Rinder, und Juden wie Ungeziefer.84 Diese Betrachtungsweise machten sich die Nazis zunutze, um einen der schlimmsten Völkermorde aller Zeiten zu begehen. Der von Hitler propagierte Begriff der "Herrenrasse" basierte auf der Annahme einer Ungleichheit innerhalb verschiedener Gruppen der gleichen Spezies. Hitler und seinen Anhängern zufolge gibt es innerhalb einer Spezies unterschiedliche Gruppen, die sich unterschiedlich schnell entwickeln, so dass die eine Gruppe fortgeschritten und die andere unterentwickelt und primitiv ist. Diese unhaltbare Behauptung war eine der zentralen Aussagen der Darwinschen Theorie, und sie wurde zur Wiege des Rassismus. In einem Buch zum Thema Auschwitz verteidigt der Historiker Karl A. Schleunes die pseudowissenschaftliche Rechtfertigung des Rassismus bei Darwin: Darwins Begriff vom "Kampf ums Überleben" ... rechtfertigte die rassistische Behauptung, es gebe höhere und unterentwickelte Rassen und Nationen, und damit den Kampf zwischen ihnen.85 Evolutionistische Wissenschaftler entwarfen genau das Theoriegebäude, das die Nazis brauchten. Der deutsche Evolutionist Konrad Lorenz zum Beispiel, der als Begründer der modernen Ethologie, der Verhaltensforschung gilt, verglich die Verbesserung von Rassen mit biologischen Strukturen:
Wie bei einer Krebserkrankung, besteht die beste Behandlungsmethode darin, das parasitäre Wachstum so schnell wie möglich auszumerzen, denn die eugenische Verteidigung gegen die dysgenischen sozialen Folgen leidender Bevölkerungsschichten ist unabdingbar. ... Wenn sie nicht wirksam eliminiert werden, wird es in einer gesunden Rasse ebenso verlaufen wie bei einem Krebsgeschwür: Die bösartigen Zellen können sich im ganzen Körper ungehindert ausbreiten und so ihren Wirtskörper und damit sich selbst zerstören.86 Unterschiedliche Rassen oder die Armen und Schwachen innerhalb einer Gesellschaft als zu eliminierende gesellschaftliche Last zu betrachten, ist unvorstellbar barbarisch. Die Nazis versuchten, ihr barbarisches Vorgehen hinter einer vermeintlich wissenschaftlichen Maske zu verbergen, indem sie sich auf Darwin beriefen. Joseph Tenenbaum, Autor des Buches Race and Reich: The Story of an Epoch (Rasse und Reich: Die Geschichte einer Epoche), fasst zusammen, wie sich die Politik der Nazis entwickelte: ... Kampf ums Überleben, natürliche Selektion und Überleben des Stärkeren - all jene zentralen Begriffe Darwins ... aber elegant verpackt, blühten innerhalb der deutschen Sozialphilosophie des 19. Jahrhunderts ... Auf diese Weise entwickelte sich das Dogma vom Recht Deutschlands, die Weltherrschaft anzustreben, aufgrund seiner überlegenen Stärke ... also eine "Hammer und Amboss"-Beziehung zwischen dem Deutschen Reich und den schwächeren Nationen.87 Nachdem er Punkt für Punkt beschrieben hat, wie die Nazis im Rückgriff auf Darwin ihre Politik gestalteten, fährt Tenenbaum fort: "Ihr politisches Wörterbuch strotzte von Begriffen wie Raum, Kampf, Selektion und Ausmerzung. Der Syllogismus ihrer Logik war: Die ganze Welt ist ein einziger Dschungel, in dem die einzelnen Nationen um Lebensraum kämpfen. Die Stärkere siegt, die Schwächere stirbt oder wird getötet ..."88
Auf dem Nürnberger Reichsparteitag 1933 verkündete Hitler: "Die jeweils höherstehende Rasse unterwirft sich die niederstehende Rasse ... ein Recht, das uns die Natur verliehen hat, und das als einzig greifbares Naturrecht gelten kann"89 - weil es angeblich wissenschaftlich begründbar ist. Mit dieser Behauptung verteidigte er einen der schlimmsten Massenmorde der Geschichte. Hitlers Worte in seiner Rede "Zum Schicksal der Nation" waren eine einzige Ansammlung darwinistischer Sichtweisen: Zu den wichtigsten Leben erhaltenden Faktoren gehören Selbstverteidigung und der Schutz zukünftiger Generationen. Politik ist nichts anderes als der Kampf ums Überleben eines Volkes. Dieses machtvolle Bedürfnis ist universell und leitet das Handeln der ganzen Nation. Das Bedürfnis zu überleben, muss zum Kampf führen, weil es nicht nur unstillbar, sondern Grundlage des Lebens ist. Der Lebensraum eines Volkes ist begrenzt. Rücksichtslosigkeit ist deshalb ein untrennbarer Teil der Humanität! Der Mensch hat sich zum Herrn der Schöpfung aufgeschwungen durch Konflikte und ständigen Kampf. Das ist die Überlegenheit nicht etwa der Menschheit, sondern der Stärke jener, die sich Macht und Vorherrschaft erkämpft haben. Zwischen den verschiedenen Rassen gibt es Unterschiede. Die Welt verdankt ihre Kultur einer gesellschaftlichen Elite. Alles, was wir heute rund um uns sehen, wurde von der arischen Rasse geschaffen. Der entscheidende Faktor für die Erfolge einer Rasse sind die großen Persönlichkeiten, die sie hervorbringt. Nicht demokratische Mehrheiten haben die Menschheit geformt, sondern große Persönlichkeiten.90
Hitlers Phrasen beeinflussten damals viele Menschen. Abermillionen Unwissende fielen auf sie herein. Doch der Ruf nach Konflikt und rücksichtslosem Überlebenskampf bewirkt nicht den Fortschritt einer Gesellschaft. Alle Individuen erstreben ein besseres und angenehmeres Leben, aber die Erreichung dieses Ziels ist untrennbar verknüpft mit der Verpflichtung zur Einhaltung von geistigen und moralischen Werten innerhalb der ganzen Gesellschaft. Der Versuch, andere durch ständige Aggression zu eliminieren, zerstört lediglich alle Parteien. Physische oder kulturelle Unterschiede bedeuten nicht die Überlegenheit der einen gegenüber der anderen Rasse. Ganz im Gegenteil: In einem sozialen Umfeld von Frieden und Sicherheit sind Unterschiede ein wertvoller Element der kulturellen Bereicherung. Um diese Unterschiede in kulturelle Vielfalt zu verwandeln, sind religiöse, moralische Werte unverzichtbar. Unabhängig von den jeweiligen Umständen hat Gott uns Menschen dazu aufgefordert, anderen zu vergeben, niemals vom Pfad der Gerechtigkeit abzuweichen und anderen mit Zuneigung und Mitleid zu begegnen. Gläubige wissen, welch große Weisheit Gottes darin liegt, unterschiedliche Rassen und Nationen zu erschaffen, und sie handeln deshalb im Geist der Brüderlichkeit und Solidarität. Der überhebliche Versuch, Menschen nach ihrer Rassenzugehörigkeit einzuteilen, ohne jegliche Begründbarkeit, ist ein Merkmal des Unglaubens und all jener, die neben Gott andere Gottheiten verehren. In einem Vers des Quran heißt es über das Wüten der Ungläubigen:
Hitler hatte erkannt, dass Darwins Theorie ausgezeichnet zu seinen eigenen wirren Anschauungen passte und hervorragend geeignet war, diese zu verbreiten. Unübersehbar ist dies in seinem 1925 erschienenen Buch Mein Kampf. In Kapitel 4 schrieb er, dass der Darwinismus die einzige Grundlage für ein erfolgreiches Deutschland sei. Robert Clark, Autor von Darwin: Before and After, kommentiert die Beziehung Hitlers zu Darwin folgendermaßen: "Evolutionistisches Gedankengut - und zwar unverhohlen - bildet die Grundlage noch für die schlimmsten Behauptungen in Mein Kampf und in seinen politischen Reden ... Für Hitler stand fest, dass eine höherstehende Rasse immer die niedriger stehende unterwerfen werde."91 Beate Wilder-Smith, Verfasserin von The Day Nazi Germany Died, beschreibt die zentrale Komponente der Nazi-Doktrin:
"Einer der wichtigsten Tragpfeiler im Denken der Nazis war die Evolutionstheorie... der zufolge biologisch alles sich vom Niederen zum Höheren entwickelt ... weshalb weniger entwickelte Arten ausgelöscht werden müssten... man die natürliche Selektion aktiv unterstützen müsse, deshalb griffen die Nazis zu politischen Maßnahmen zur Ausrottung von Juden und Schwarzen, die ihnen als "minderwertig" galten."92 In American Scientist veröffentlichte Professor George J. Stein einen Artikel mit dem Titel Biological Science and the Roots of Nazism: "Kurz gesagt, war der deutsche Sozialdarwinismus von einem Zuschnitt, der in ganz Deutschland bekannt und akzeptiert war und - sehr wichtig dabei - unter den Deutschen, auch ihren Wissenschaftlern, als wissenschaftlich erwiesen galt. Neuere Forschungen zu Nationalsozialismus und Hitler haben ergeben, dass der Rückgriff auf Darwins Theorie ein besonderes Merkmal des Nazismus war. Die nationalsozialistische "Biopolitik" ... beruhte auf einem mystisch-biologischen Glauben an radikale Ungleichheit, ... die ihrerseits sich berief auf den Kampf ums Überleben und Darwins "Überleben des Stärkeren" als angebliches Naturgesetz. Daraus ergab sich das Dogma von der Verpflichtung des Staates, die natürliche Selektion politisch zu verstärken und zu beschleunigen."93 Professor Steins Artikel macht deutlich, dass die Behauptung der mangelnden Unterscheidung zwischen Tier- und Menschenwelt Grundlage des deutschen Sozialdarwinismus war. Er fährt folgendermaßen fort: "Grundannahme des deutschen Sozialdarwinismus war ... der Mensch sei nur ein Teil der Natur ohne irgendwelche besonderen transzendenten Merkmale oder etwas spezifisch Menschliches. Andererseits hielt er die Deutschen für Mitglieder einer biologisch überlegenen Volksgemeinschaft ... Politik war nur die konsequente Anwendung der biologischen Gesetzmäßigkeiten. In der Sache selbst vertraten Haeckel und seine sozialdarwinistischen Gefolgsleute schon all jene Auffassungen, die später zum Kernstück der nationalsozialistischen Gedankenwelt werden sollten ... Es war Aufgabe des Staates, Eugenik und künstliche Selektion zu fördern."94 Diese Grundfehler des nazistischen Denkens, wie von Stein
aufgezeigt, setzten sich fort bis in den 2. Weltkrieg hinein. Der mit
Hilfe des Darwinismus stark gewordene Nazismus wurde zum Urheber einer
der größten Katastrophen, die die Welt je erleben musste. Diese
Katastrophe war so ungeheuerlich, dass Abermillionen von Menschen darin
umkamen und ganze Städte ausradiert wurden. Mit am schlimmsten traf sie
die Deutschen selbst, obwohl ihnen die Nazi-Demagogen doch Stärke und
Fortschritt versprochen hatten! Bis zu seinem Tod gab Hitler nie die
Überzeugung auf, die den Nazismus so tief geprägt hatte, und fasste sie
in den Worten zusammen: "Wir Nationalsozialisten ... sind Barbaren! Wir
wollen es sogar sein. Es ist ein Ehrenname, weil wir die Welt erneuern
wollen." 95 In den Worten von Sir Arthur Keith: "Hitler versuchte absichtlich, die deutsche Politik in Übereinstimmung mit der Evolutionstheorie zu bringen."96 Und weiter: "Wenn der Krieg eine Folge der Evolution ist - wovon ich überzeugt bin - , dann muss die Evolution verrückt gespielt haben, als sie ein derartiges Maß an Wildheit produzierte und dadurch ihre wirkliche Rolle im Leben auf der Erde verdunkelt hat. ... es gibt keinen anderen Weg, den Krieg los zu werden, außer dem einen: die menschliche Natur zu befreien von all den Sanktionen, die ihr durch die Evolution auferlegt worden sind."97 In seinem Buch Hitler's Personal Security schreibt Peter Hoffmann über die Ansichten Darwins: "Hitler glaubte daran, dass der Kampf als Grundprinzip des menschlichen Lebens jedes Volk dazu zwingt, andere Völker zu beherrschen, weil es sonst absteigen und untergehen würde. Selbst noch 1945, angesichts seiner Niederlage, glaubte er noch immer an das Überleben des Stärkeren und erklärte, die slawischen Völker hätten sich eben als die stärkeren erwiesen."98 Wie man aus den Auffassungen zahlreicher Historiker und Forscher, aber auch aus den Schriften und Reden Hitlers selbst entnehmen kann, bezog der Nazismus seine Kraft und Stärke aus dem Darwinismus und dessen angeblich wissenschaftlichen Argumenten. Damit versuchten Hitler und seine Gefolgsleute ihre eigene psychopathische Grausamkeit zu rechtfertigen. Schon das vorher existierende kulturelle Umfeld, in dem die Nazi-Ideologie gedeihen konnte, trug tiefe Spuren des Darwinismus in sich. Wie wir auf den folgenden Seiten sehen werden, hat der im Deutschland der ersten 20. Hälfte des Jahrhunderts dank dem fanatischen Darwinisten Ernst Haeckel stets mehr an Einfluss gewinnende Sozialdarwinismus die ganze deutsche Gesellschaft durchtränkt und die philosophischen Voraussetzungen geschaffen für den Erfolg der Nazis. Krieg in Nazideutschland und Evolution
Dem Sozialdarwinismus zufolge begünstigt der Krieg den Fortschritt einer Gesellschaft, indem er die Starken selektiert und die Schwachen eliminiert. In der Logik des Sozialdarwinismus ist Krieg eine positive Kraft, weil er nicht nur schwache Rassen aussondert, sondern auch die Schwachen innerhalb der "Herrenrasse" selbst. Deshalb spricht sich der Sozialdarwinismus stets für den Krieg aus. Auch den Nazis ging es um den Zusammenhang von sozialdarwinistischer Logik und Militarismus. Bei Robert Clark findet sich in seinem Buch Darwin: Before and After folgende Information über Hitler:
Gestützt auf den Sozialdarwinismus, wuchs in Europa die Kriegshysterie mehr und mehr an. Die darwinschen Begriffe wirkten dabei wie ein Katalysator, der diesen Trend verstärkte und im gesellschaftlichen Bewusstsein verankerte. Erstmals verschmolzen Rassismus und Kriegslüsternheit, weil es eine angeblich wissenschaftliche Begründung dafür gab, die der Gesellschaft als unabweisbare Notwendigkeit präsentiert werden konnte. In den Schriften von Dr. Albert Edward Wiggam, einem evolutionistischen Wissenschaftler der Nazizeit, spiegelt sich eine der geistigen Verirrungen wider, die man in der damaligen deutschen Geisteswelt so häufig antraf: "Vor langer Zeit verfügte der Mensch über kaum mehr Gehirnzellen als sein sogenannter anthropoider Vetter, der Affe. Durch Stoßen, Beißen, Kämpfen und Feinde überlisten und durch die Tatsache, dass es andere mit weniger Verstand und Stärke gab, um das Gleiche zu tun, wuchs das menschliche Gehirn immens an, und der Mensch wurde nicht nur größer, sondern klüger und aktiver ..."100
Die Schlussfolgerung der Nazis aus dieser imaginären Evolutionsgeschichte, in Wirklichkeit das Produkt kranker Gehirne, war folgende: Krieg ist langfristig gesehen ein positiver Faktor, weil der Fortschritt der Menschheit ohne tödliche Konflikte nicht zu bewerkstelligen ist. Wie Hitler und Rosenberg behaupteten auch die anderen Nazi-Ideologen, die zeitgenössischen Zivilisationen seien in erster Linie durch ständige Kriege entstanden. In dieser irrigen Auffassung wurden sie durch zahlreiche damalige Wissenschaftler bestärkt. Der sattsam als Darwinist bekannte Berliner Universitätsprofessor Ernst Haeckel zum Beispiel pries den antiken militaristischen Staat Sparta, weil die Spartaner, ein angeblich auserwähltes Volk, so erfolgreich und den anderen griechischen Stadtstaaten überlegen waren. Er behauptete, dass durch das vorsätzliche Töten ihrer Kinder, außer den "absolut Gesunden und Lebenskräftigen", die Spartaner ständig in voller Kraft und Blüte standen.101 Haeckel hielt derartige Praktiken für durchaus gerechtfertigt. Seiner Meinung nach sollte Deutschland dem spartanischen Vorbild folgen, weil die Tötung körperlich deformierter und kränklicher Kinder "eine vorteilhafte Praxis sowohl für die getöteten Kinder als auch für die Gesellschaft" sei. Die Kenntnis der "Empfehlungen" Haeckels ist wichtig, um die Brüchigkeit des gesamten darwinschen Gedankengebäudes adäquat einschätzen zu können, innerhalb dessen Vorstellungen von der Gleichheit aller Menschen und der Verpflichtung zu ihrem Schutz als bloß "traditionelles Dogma" und als Verstoß gegen die wissenschaftliche Wahrheit gilt.102 Kein vernünftiger Mensch würde solchen Unsinn für bare Münze nehmen, aber bedeutende Deutsche glaubten fest daran. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Teilen der Welt lehnte der Sozialdarwinismus moralische Werte und die durch die Religion verbreitete Tugenden wie Mitleid, Schutzbereitschaft, Zusammenarbeit, Sympathie und Geduld ab. An deren Stelle setzte er die Pflicht, all jene zu töten, die nicht zu den gesellschaftlichen Interessen passten, durch Rücksichtslosigkeit und Zerstörung, all jenen Eigenschaften Satans, des großen Menschenverführers, als höchste Notwendigkeit. Der Hass auf alles Göttliche und Religiöse war das Herzstück der Feindschaft der Nazis gegen die Juden. Trotzdem ist in vielen Ländern der Neonazismus wieder aufgelebt, was zeigt, dass die kranke Nazi-Ideologie noch immer eine Gefahr darstellt. Egal, unter welchem Namen der Sozialdarwinismus daherkommt - die von ihm befürwortete Lebensweise besteht ausschließlich aus Konflikt, Kampf, Blutvergießen, Krieg, Leid und Furcht. In Todeslagern wie Auschwitz wurde der Sozialdarwinismus verwirklicht. Der Darwinismus führt zwangsläufig zum Sozialdarwinismus. In einer Welt, in der er wieder an die Herrschaft gelangt, wird es unvermeidlich ein neues Auschwitz geben. Hitler war ein Tyrann, weil er Sozialdarwinist war Hitler und andere Nazi-Führer empfanden keinerlei Schuldgefühle wegen all der Verbrechen, die sie über Jahre hinweg begangen hatten. Sie fühlten sich eher wie Helden. Sie hielten sich für eine Art Krieger, die der Evolution der Menschheit dienten, wofür ihnen spätere Generationen Dankbarkeit zollen würden.
Die brandgefährlichen Ideen, die Hitlers krankhafter Phantasie entsprungen waren, wurden unter dem Einfluss des Sozialdarwinismus verwirklicht. Gemäß dieser Ideologie waren die Konzentrationslager nicht Gefängnisse, wo Unschuldige gefoltert und ermordet wurden, sondern Quarantänestationen, in denen Kranke, Schwache und unerwünschte Elemente weggesperrt wurden, um die Herrenrasse zu schützen. Auf diese Weise ist der Darwinismus als eine Pseudowissenschaft in die Geschichte eingegangen, die in Wirklichkeit zur Ideologie eines Weltkriegs und Völkermords von nie da gewesenem Ausmaß wurde. Hitler selbst steht in den Geschichtsbüchern als ein Tyrann, der einer Pseudowissenschaft verfallen war.
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